Grönland war für Henrik Kauffmann das Ass im Ärmel

Ohne Mandat seines Heimatlandes handelte ein Mann ganz eigenhändig ein Abkommen mit den USA aus, welches den Beginn der amerikanischen Präsenz in Grönland darstellte. Dieses Abkommen ist das Grönlandtraktat von 1941 und der politische Rebell heißt Henrik Kauffmann. Ein hochdramatisches diplomatisches Spiel, das nun mit dem Film „Unser Mann in Amerika“ auf die große Leinwand kommt.

„Es ist im Grunde ein großes Immobiliengeschäft”, sagte US-Präsident Donald Trump im August 2019, als er seinen Wunsch kommentierte, Grönland zu kaufen. Das Angebot erweckte naturgemäß viel Aufmerksamkeit in der gesamten Weltöffentlichkeit – und in Grönland nicht weniger. Die Antwort übermittelte Grönlands Premierminister Kim Kielsen ziemlich schnell: „Grönland steht nicht zum Verkauf, Verhandlungen über die Zusammenarbeit zwischen gleichberechtigten Ländern stehen wir aber sehr offen gegenüber.”

Das Interesse der USA an Grönland ist nicht neuen Datums. Während des 2. Weltkriegs schlossen die USA zum ersten Mal ein Abkommen, das Grönlandtraktat von 1941, das ihnen Zugang verschaffte, um in Grönland Militärbasen zu errichten. Im Gegenzug sollten die USA dafür Sorge tragen, Grönland während der fünf Kriegsjahre in der Aufrechterhaltung des Status quo zu unterstützen. Aus dänischer/grönländischer Perspektive war der berühmte Artikel X (10) die Achillesferse des Traktats. Er legte fest, dass die USA ein Vetorecht für mögliche Änderungen des Traktats in der Zukunft erhielten.

Dieser Artikel hat die Beziehungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland erschwert – bis heute ist er Gegenstand von Debatten. Insbesondere nach dem 2. Weltkrieg bereitete das Traktat diplomatisches Kopfzerbrechen zwischen den USA auf der einen Seite und Dänemark/Grönland auf der anderen Seite. Erst 1951 wurde Einigkeit über eine Änderung des Vertrags erzielt, allerdings mit einem unveränderten Artikel X. Seitdem hat der Grundvertrag eine Reihe von Ergänzungen erhalten, zuletzt 2004, als die drei Länder das Igaliku-Abkommen beschlossen haben (Igaliku ist eine südgrönländische Siedlung nahe Narsarsuaq).

Grönland war für die USA von großer Bedeutung

Aber warum wurde der Vertrag von dänischer/grönländischer Seite überhaupt unterzeichnet, wenn der Artikel X für Dänemark/Grönland so ungünstig war? Der Grund heißt Henrik Kauffmann. Er war der dänische Botschafter in den USA – und kam direkt vor Beginn des 2. Weltkriegs 1939 nach Washington. 

Als Dänemark am 9. April 1940 von Nazi-Deutschland besetzt wurde, war es mit einem freien Dänemark vorbei. In der Folge musste Kauffmann die Interessen Dänemarks wahren und vertreten, da nun die eigentlich der dänischen Regierung obliegenden Entscheidungsbefugnisse in den wichtigen Fragen von der deutschen Besatzungsmacht beansprucht wurden. Diese Auffassung wurde von der amerikanischen Regierung nicht geteilt. Sie betrachtete weiterhin die dänische Regierung als ihren Verhandlungspartner.

Während der zahlreichen Treffen des dänischen Botschafters mit zentralen Personen im amerikanischen Regierungsapparat fand Henrik Kauffmann heraus, dass der Schlüssel zu seinem Bestreben, Dänemark in den USA zu repräsentieren, in Grönland lag. Dies lag hauptsächlich an zwei Ursachen: Grönlands strategischer Lage und den Kryolith-Vorkommen (das Mineral wurde im Zweiten Weltkrieg zur Aluminiumgewinnung verwendet) in Ivittuut, heute eine verlassene Siedlung in Südgrönland.

Ausschlaggebend für diesen Wendepunkt in der amerikanischen Auslandspolitik war zunächst die sogenannte Monroe-Doktrin (gültig von 1823 bis 1947, dann abgelöst von der Truman-Doktrin). Kurz erklärt, baute diese auf dem Grundsatz auf, dass politische Einmischungen aus dem Ausland (primär aus Europa) in ganz Nord- und Südamerika verhindert werden sollten. Die Doktrin legte damit fest, dass Nord- und Südamerika im Interessensgebiet der USA lagen. Dies beinhaltete auch Grönland, da das Land – nach amerikanischer Einschätzung – zu Nordamerika zählt. Und zu diesem Zeitpunkt konkretisierten sich die Interessen des damaligen Nazi-Deutschlands an Ostgrönland. Deshalb erwachte das amerikanische Interesse ebenso.

Außerdem benötigten die Amerikaner Aluminium, ein wichtiger Bestandteil der Waffenproduktion. Aus diesem Grund fanden große Exporte des wertvollen Kryolith aus der Siedlung Ivittuut nach Philadelphia in den USA statt.

Der Kampf darum, Dänemark zu repräsentieren

Bis das Abkommen mit den Amerikanern zustande kommen konnte, musste Henrik Kauffmann einige Grabenkämpfe führen, da nicht alle der Meinung waren, er könne ganz eigenständig „das freie, unabhängige Dänemark” vertreten. Unter anderem gab es zwei Verwaltungsbeamte in Grönland, Eske Brun (für Nordgrönland, ansässig in Qeqertarsuaq/Godhavn) und Aksel Svane (für Südgrönland, ansässig in Nuuk/Godthåb), die befanden, dass sie dafür abgesandt waren, die dänischen Interessen in Grönland zu repräsentieren. Diese Rechtsauffassung der dänischen Beamten vor Ort in Grönland wurde von der dänischen Regierung unterstützt.

Die Überraschung und Frustration war daher groß, als das Grönlandtraktat am 9. April öffentlich gemacht wurde. Besonders galt dies für die dänische Regierung und die beiden Verwaltungsbeamten, als sie unter anderem herausfanden, dass Artikel 10 des Vertrags – kurz gefasst – bedeutete, dass man diesen nicht aufheben könnte. Auf diese Weise räumte man den USA ein Vetorecht in der Frage ein, ob sie sich dauerhaft und unbefristet mit militärischer Präsenz in Grönland aufhalten dürften.

Für Kauffmann war das Inkrafttreten des Grönlandtraktats ein persönlicher Triumph. Endlich wurde er von der amerikanischen Regierung als die Person anerkannt, welche „die Interessen des freien Dänemarks” repräsentierte, so lange Dänemark besetzt war. Kauffmanns neuer Status bei der amerikanischen Regierung bedeutete, dass er nun im Namen Dänemarks Abkommen mit den USA schließen konnte – und damit auch für Grönland. Diesen Status behielt er, bis Dänemark am 5. Mai 1945 wieder eine freie Nation wurde.

U.S to Guard Greenland
Credit: Universal Newsreels, 12 April 1941

Remains of American WW2 bases in Greenland

Diplomatisches Drama als Filmadaption

Damals wie auch heute war und ist es völlig unerhört, dass ein Diplomat weitreichende Abkommen mit der Regierung eines anderen Landes schließt, ohne die Zustimmung des eigenen Landes zu haben. Aus ganz anderer Perspektive ergeben sich daraus die Hauptzutaten für einen diplomatischen Thriller, insbesondere wenn die Hauptfigur als extravaganter Draufgänger und Mann von Welt daherkommt, der sich auf das glatte Parkett der Diplomatie begibt – und bereit ist, für seine Ziele unorthodoxe Wege einzuschlagen. Der Film heißt „Unser Mann in Amerika” und läuft seit dem 13. August 2020 in den dänischen Kinos.

ZUSATZINFO 1

Militärische Präsenz der USA in Grönland

Heutzutage betreiben die USA nur noch eine Militärstation im früheren Dundas-Gebiet: die Thule Air Base, wo amerikanisches Recht gilt. Früher hatten die USA neun Stationen in Grönland, von denen sich die größten in Narsarsuaq und Kangerlussuaq (beides transatlantische Flughäfen) befanden. An beiden Flughäfen befinden sich Museen mit Ausstellungsgegenständen, welche die Ausmaße der amerikanischen Militärpräsenz verdeutlichen.

ZUSATZINFO 2

Grönländischer Marmor im dänischen Botschaftsgebäude

Als Henrik Kauffmann nach Ende des 2. Weltkriegs in Washington ein neues Botschaftsgebäude für die dänische Repräsentation bauen ließ, wurde die Vorhalle mit grönländischem Marmor ausgestattet, der aus Maarmorilik kam (das bedeutet ungefähr übersetzt: „der Ort mit Marmor”). Maarmorilik ist eine Minensiedlung nördlich von Uummannaq im nordwestlichen Grönland.

BASISINFO

Grönlands Verbindung zu Dänemark

Grönlands Geschichte wurde von der engen Verbindung zu Dänemark bestimmt. „Das Land der Menschen“, wie Grönland auf Grönländisch genannt wird, wurde durch eine Grundgesetzänderung 1953 von einer Kolonie zu einer Provinz im Dänischen Reich. Zu dieser Zeit hielten die Vorstellungen von einer modernen Gesellschaftsordnung immer mehr Einzug in Grönland, bis 1979 kämpften die Grönländer für das Recht auf Selbstbestimmung über ihre eigenen Leben. Dieser Kampf intensivierte sich in den 70’ern und mündete in einem Abkommen zur Einführung der grönländischen Selbstverwaltung (Hjemmestyre). Dies geschah 1979. 

Von 1979 an übernahm die grönländische Selbstverwaltung für einige Jahrzehnte einen Teil der Fachgebiete, die vorher von Dänemark verwaltet wurden. Dabei handelte es sich um die Ressorts Gesundheit, Bildung, Soziales, Wohnungswesen, usw. Parallel zu dieser Entwicklung blieb es das nächste Ziel, weitere Autonomien über die eigene Situation in Grönland zu erlangen, nicht zuletzt auch über die Bodenschätze. 

Dies mündete in einem Abkommen zur erweiterten Selbstverwaltung Grönlands (Selvstyre), das am 21. Juni (Grönlands Nationalfeiertag) 2009 in Kraft trat. Über die Selbstbestimmung über die Rohstoffe hinaus bekamen die Grönländer weitere Autonomierechte und Ressorts zugesprochen, müssten aber – im Gegensatz zum vorherigen Abkommen (Hjemmestyre) – die Selbstständigkeit eigenfinanzieren.

Die überwiegende Mehrheit der Ressorts ist nun von Dänemark an Grönland übergeben wurden. Ausstehend ist als besonders großes Ressort nach wie vor das Rechtswesen. Anders sieht es mit den Ressorts Auslands- und Sicherheitspolitik aus, die nach diesem Abkommen nicht von Grönland selbst gesteuert werden können. Hier wurde mit der Itilleq-Erklärung vom 14. Mai 2003 ein Abkommen zwischen Dänemark und Grönland geschlossen, welches sicherstellt, dass Grönland in Fragen und Verhandlungen zu den genannten Themenfeldern einbezogen wird, wenn Grönland von diesen betroffen wäre.  

Dänemark gibt jährlich einen Betrag von knapp 4 Milliarden Kronen (ca. 537 Millionen EUR) als sogenannten Blockzuschuss nach Grönland. Darüber hinaus finanziert Dänemark die Aufrechterhaltung von u.a. dem Rechtssystem in Grönland, darunter Polizei, Gerichtswesen und Gefängnis.

Weitere Lesetipps:

  • Defiant Diplomacy: Henrik Kauffmann, Denmark, and the United States in World War II and the Cold War, 1939-1958 (2003).
  • Bo Lidegaard: I kongens navn: Henrik Kauffmann i dansk diplomati 1919-1958 (2013)
  • Bo Lidegaard: Uden Mandat (2020)

Artikel von: Martin Christiansen

Cand.scient.pol. und Journalist. Er lebt in Nuuk und arbeitet seit vielen Jahren als Kommunikationsmitarbeiter für Grönlands Selbstverwaltung.