Herrliche Wanderung bei Ittoqqortoormiit in Ostgrönland

Eine Wanderung zur verlassenen Siedlung Uunarteq (Kap Tobin) bietet unvergleichlich schöne Einblicke in die arktische Natur, ein herausforderndes Gelände und Naherlebnisse mit Schneehasen, Eiderenten, Küstenseeschwalben und – wenn man Glück oder eher Pech hat – auch mit Eisbären.

Direkt als ich in Ittoqqortoormiit angekommen bin (am 25. Juni 2020), habe ich beschlossen, mich sofort auf meine erste Wandertour zu begeben. Nachdem ich mich beim Tourismusbüro Nanu Travel gut habe beraten lassen, halte ich es für machbar, zur verlassenen Siedlung Uunarteq und wieder zurück zu wandern. Das sieht auf der Karte zumindest leicht genug aus! 

Ittoqqortoormiit ist die allernördlichste Stadt in Ostgrönland. Gen Norden erstreckt sich die öde arktische Wildnis und Richtung Süden sind es 800 km bis in die nächste Stadt namens Tasiilaq. In Ittoqqortoormiit wohnen ungefähr 350 Menschen. Haupterwerbsquelle ist der Fang. In der Stadt gibt es u.a. einen Supermarkt der Kette Pilersuisoq, ein Gästehaus, ein Tourismusbüro, eine Kirche, eine Schule und eine Krankenstation, davon abgesehen handelt es sich aber um eines der besonders abgeschiedenen Reiseziele in Grönland. 

Eisbärenland

Author, Bo Normander with a rifle. Photo by Bo Normander.

Bei Nanu Travel leihe ich mir eine Waffe. Dies ist Eisbärenland, weshalb man immer eine Waffe mit sich tragen soll, sobald man sich aus dem Stadtzentrum entfernt. Erst letzte Woche musste der zuständige Beamte einen Eisbären mit Warnschüssen vertreiben. 

Kurz nach 13 Uhr begebe ich mich voller Optimismus und Abenteuerlust auf die Wanderung. Die Sonne scheint, es sind ca. 5°C und da es rund um die Uhr hell ist, habe ich keinen Zeitdruck bezüglich meiner Rückkehr. Ich gehe vorbei an der Radarstation, an einem Hundeplatz, einer Abfallstelle und durch ein Tal eine Steigung hinauf. Es ist schwer, die Markierungen der Strecke zu finden, endlich entdecke ich die erste, die aus einem auf einen Felsen gemalten weißen Dreieck besteht. 

Nach ein paar Kilometern teste ich die Waffe. Ich treffe, was ich anvisiert hatte –  einen Schneehaufen unter einem großen Stein. Es gibt einen ordentlichen Knall und ich habe keinen Ohrenschutz dabei. Also sage ich mir, dass ein einzelner Testschuss genügt. 

Das Gelände ist fürs Wandern ziemlich herausfordernd, da es sehr steinig und mit Klippenpassagen versehen ist. Zusätzlich gibt es einige Stellen, an denen man die Hände benötigt und leicht klettern muss. Ich sehe die erste Eiderente – ein schöner Anblick.

Nach ein paar Kilometern komme ich zu einem Fluss, den es zu überqueren gilt. Für mich ist die Strömung zu stark, um an der Stelle überzutreten, wo die weißen Dreiecke weitergehen. Also laufe ich einige hundert Meter weiter aufwärts zum Ursprung des Flusses bei einem See. Über diesen zieht sich teilweise noch eine Eisdecke. Stiefel aus und ich kreuze den Fluss mit vorsichtigen Schritten, während das eiskalte Wasser bis zu meinen Knien reicht.

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Der höchste Punkt der Strecke

Ittoqqortoormiit from the mountain Inugsukajik. Photo by Bo Normander.

Ich verliere die Dreiecke – wie auch meinen Orientierungssinn – aus den Augen und laufe nun entlang der Küstenlinie durch die kleine Bucht Amdrup Havn. Die Karte ist ziemlich grob markiert, die man mir mitgegeben hat. Schwieriges Terrain, aber tolle Aussicht über den gewaltigen Scoresby Sund – das größte Fjordsystem der Welt – mit den majestätischen Basaltfelsen auf der anderen Seite weiter im Süden.  

Ich erreiche den tiefsten Landpunkt von Amdrup Havn und folge hier einem Anstieg, weiße Dreiecke zur Orientierung gibt es nicht. Oben am Gipfel des Berges Inugsukajik (270 Meter) mache ich Halt und ruhe mich an einem Steinhaufen aus. Dort genieße ich die Aussicht, bin aber aufgrund der anspruchsvollen Strecke auch schon ziemlich müde. Bis hierhin bin ich ca. 8 km gelaufen.

Darauf folgt ein Stück Weg mit toller Aussicht und leichtem Abstieg, gefolgt von einem längeren Abstieg, bei dem ich über kleine Eisfahnen hinwegsteige. Das geht recht schnell und einfach. Nun stehe ich wieder auf Wasserhöhe in der kleinen Bucht Fox Havn. Hier sehe ich Küstenseeschwalben, die nach Fisch tauchen. 

Diese Umgebung ist ziemlich flach und leichter begehbar als das vorherige Gelände. Ich gelange zu einem Feuchtgebiet, wo sich u.a. Gänse und noch viele andere Vögel aufhalten, dort stolpere ich fast noch über einen Schneehasen! Der zeigt keine Scheu vor Menschen, ich könnte ihn fast aus der Hand füttern.

Eine Möwe fliegt vorbei und versucht, den Hasen zu verscheuchen. Warum sie das tut, erschließt sich mir nicht. Wahrscheinlich hat sie hier irgendwo ihr Nest. Ich laufe die flache, aber felsige Strecke entlang der Küste weiter, nach 3-4 km in Richtung Süden erreiche ich Uunarteq.

Geisterstadt im Nebel

Abandoned settlement of Cape Tobin. Photo by Bo Normander.

Der Wind nimmt Fahrt auf und von Osten ziehen Nebelschwaden heran. Als ich mich endlich Uunarteq nähere, kann ich fast nichts mehr sehen. Das ist nicht so richtig gut, weil es nun deutlich schwieriger wird, sich bezüglich der Eisbären zu orientieren. Ich suche in einem der verlassenen Häuser Schutz. Dort kann ich mich aufwärmen und mein mitgebrachtes Essen verspeisen. Die Siedlung hat etwas von einer Geisterstadt, 20-30 verlassene Häuser werden vom Nebel verhüllt. Viele der Häuser werden aber weiterhin von ihren Eigentümern in Stand gehalten und als Sommerhäuser oder Jagdhütten genutzt.

Etwa in 1 km Entfernung von der Siedlung liegt eine 62°C warme Quelle, die ziemlich nach Schwefel riecht. Uunarteq bedeutet auf Grönländisch passenderweise ,warme Quelle’.

Aufgrund von Nebel und Wind gebe ich aber meinen Versuch auf, die Quelle zu finden und beschließe, wieder zurückzugehen. Jetzt kenne ich den Weg ja etwas besser. 

Ich laufe einfach aus der Siedlung hinaus, das ist bei dem eiskalten Wind ziemlich unangenehm. Ich komme wieder an Fox Havn vorbei und finde etwas mehr Schutz. Beim Aufstieg auf den Berg komme ich an den gleichen Schneefahnen vorbei, quere sie diesmal aber etwas weiter links, um Höhenmeter zu sparen, was eine gute Entscheidung ist, auch wenn es durch das zwischenzeitliche Klettern abschnittsweise ziemlich anstrengend und schwierig ist. 

Ich nähere mich nun wieder dem Meeresspiegel bei Amdrup Havn und dieses Mal sehe ich die weißen Dreiecke, denen ich nun folge (damit laufe ich weiter von der Küste entfernt als beim Hinweg). Dann nähere ich mich wieder dem Fluss zur Überquerung und entdecke nun eine Stelle 20-30 Meter unterhalb der Quelle, die ich in Stiefeln überqueren kann, wenn auch ein Stiefel sich voller Wasser füllt. 

In diesem Augenblick fliegt eine Eiderente auf und ich sehe ihr Nest aus feinsten Daunen, welche die vier Eier darinnen warmhalten. 

Endlich kommt Ittoqqortoormiit wieder in Sichtweite, die Sonne steht tief und ich laufe über eine lange Schneespur abwärts. An den Hunden und der Radarstation vorbei, eine Treppe hinunter, über die Brücke und noch eine Treppe hinauf, bis ich wieder daheim beim Gästehaus ankomme. Es ist 3 Uhr nachts und eine unglaublich schöne, aber auch physisch herausfordernde Wanderung hat ihr Ende gefunden. 

Über die Wanderung

Map of Ittoqqortoormiit, White hiking route. Photo by Bo Normander.

Strecke hin/zurück nach/von Uunarteq: 28 km

Höchster Punkt: 270 m

Niedrigster Punkt: 0 m

Schwierigkeitsgrad: Moderat. Das Gelände ist teilweise unwegsam und physisch herausfordernd, wenn Steine und Klippen überstiegen werden müssen, manchmal muss man für leichtere Kletterstrecken die Hände zur Hilfe nehmen. Die Route ist nur teilweise markiert und man sollte nicht alleine unterwegs sein, wenn man nicht sehr viel Erfahrung im Bergwandern hat. 

Die Strecke kann halbiert werden, wenn man eine Richtung mit dem Boot fährt (fragen Sie bei Nanu Travel nach den Möglichkeiten).

So kommen Sie nach Ittoqqortoormiit

Charming houses in Ittoqqortoormiit. Photo by Jørgen ChemnitzEs ist weder einfach noch günstig, nach Ittoqqortoormiit zu reisen. Von Reykjavík oder Akureyri in Island gibt es 1-2 Flüge pro Woche nach Nerlerit Inaat (norlandair.is), von wo aus man mit einem Helikopter die letzten 40 km bis zum Heliport in Ittoqqortoormiit fliegt (airgreenland.dk).

Der Flughafen in Nerlerit Inaat besteht aus einer 1000 m langen Schotterbahn und wurde 1985 von einer US-amerikanischen Firma angelegt, die in dieser Gegend vergeblich nach Öl suchten.

Praktische Infos

In Ittoqqortoormiit gibt es einen Pilersuisoq-Supermarkt, wo man alles Notwendige bekommt. Dieser hat jeden Tag, sogar sonntags, geöffnet. Nanu Travel hat sein Büro direkt gegenüber der Kirche; sie arrangieren Bootsausflüge und verleihen Waffen, Zelte und verschiedene Wanderausrüstungen. Bei Nanu Travel kann man außerdem eine Unterkunft im orange angemalten Gästehaus buchen.

Autor

Bo Normander

Bo Normander (in mikrobieller Ökologie promoviert hat) ist seit über zehn Jahren neben seiner Karriere als Umweltforscher und Manager als Naturfotograf und Autor tätig. Er verfügt über großes Wissen zur arktischen Natur und Umwelt und hat zahlreiche Berichte und wissenschaftliche Artikel zur Natur und Biodiversität geschrieben.